Textatelier
BLOG vom: 12.01.2011

Die USA und ihre ruhmvollen sowie unrühmlichen Verbrechen

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
„Der Geist der Gewalt ist so stark geworden,
weil die Gewalt des Geists so schwach geworden ist.“
Leonhard Ragaz, Schweizer evangelischer Theologe (1868‒1945)
*
Schweigeminuten. US-Fahnen auf Halbmast. Man belasse sie am Besten gleich dort.
 
Die Ursache für solche Symbole von Betroffenheit ist nicht die Erschiessung des zum Tode verurteilten Ronnie Lee Gardner im Bundesstaat Utah durch ein Erschiessungskommando. Gardner durfte vorher noch den US-Film „Der Herr der Ringe“ in voller Länge ansehen, in dem auch eine Armee aus Toten die Schlachtfelder belebt und – unter anderen Grausamkeiten – die Schlacht am Schwarzen Tor zelebriert wird. Diese Geschichte ist auch als Comic zu haben. Gardner ermordete übrigens 1985 einen Barmann.
 
Nein, was die USA mit ihrer traditionellen Gewaltkultur in Aufruhr brachte, war laut Medienberichten der 22-jährige, psychisch gestörte Schütze im Wüstenstaat Arizona, Jared Loughner, der vor einem Einkaufszentrum in Tucson 6 Menschen erschossen und 14 verletzt hatte, darunter die demokratische Abgeordnete Gabrielle Giffords, die einen Kopfschuss knapp überlebte. Da das Motiv bisher unklar blieb, wird daraus billiges politisches Kapital geschlagen, indem die rechtskonservative Tea-Party-Bewegung für diesen verheerenden Anschlag verantwortlich gemacht wird, insbesondere die Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, die als leidenschaftliche Jägerin Schiesserfahrung hat und deren Teepartei auf einer Landkarte Fadenkreuze über Wahlkreisen mit ihrer Ansicht nach abschussfälligen Politikern aufgebaut hat; Gabrielle Giffords gehörte zu diesen.
 
Das Umfeld mit der von Pulverdampf geschwängerten US-Luft muss weiträumiger betrachtet werden: Seit der Niedermetzelung der Ureinwohner, der Indianer, die in Wildwestfilmen hinterher noch kommerziell ausgeschlachtet wurde, hat sich dieses Amerika als eine Gewaltkultur entpuppt, die ständig auffallend viele Totschläge und Morde hervorbringt. Und noch schlimmer ist der Umstand, dass auch weltpolitische Fragen mit Gewalt angegangen werden. Seneca: „Totschlag und einzelne Morde unterdrücken wir (...). Aber was ist von den Kriegen zu sagen und dem ruhmvollen Verbrechen, ganze Völker niedergemacht zu haben?“
 
Hinzu kommt, dass in den USA ein ausgeprägter religiöser Fundamentalismus vorhanden ist. Das grausame Buch der Bibel, das niemals in die Hände von Kindern und Labilen, Gestörten gelangen dürfte, leistet Schützenhilfe. In Matthäus 10,34 und 35 wird die Gestalt Jesus so zitiert: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.“
 
Im Alten Testament werden die Völkermordkriege sozusagen als gottgegeben hingenommen und nicht kritisiert. Der heilig gesprochene Bernhard von Clairvaux, ein berühmter Kirchenlehrer, forderte stilrein die „Bekehrung oder Vernichtung“ von uns Heiden als „die vornehmste Aufgabe all jener, die das Kriegshandwerk gewählt haben“: „Der Kämpfer Christi kann ruhigen Gewissens töten und im Frieden sterben“. Karlheinz Deschner (in „Abermals krähte der Hahn“, Kapitel „Die Errichtung des Kreuzes über Ruinen und Leichen“, Seite 518): „Es ist kaum eine gewichtige kirchliche Stimme, die sich gegen die Verfolgung der Heiden erhoben hätte.“
 
Der grösste Teil der Hollywood-Filmunkultur, die sich über die ganze Erde ergossen hat, ist nicht etwa der Versöhnung von Gut und Böse oder gar vom Bemühen geprägt, das sogenannte Böse mit Mitteln der Erziehung in ein ethisches Verhalten umzuwandeln, sondern es ist der Kampf, ja der Krieg gegen das Böse, der die meisten Filme und anderen US-Unkulturäusserungen bis hin zu den Computerspielchen für Kinder überall hin begleitet. Nirgends stecken die Colts so locker im Halfter wie in den USA. Die ständigen Kriege, die von dieser masslos überbewaffneten Nation ununterbrochen angezettelt werden, erzeugen Gegengewalt, haben den Terrorismus zur Blüte gebracht – alles andere als den „Frieden auf Erden“ herbeigeführt. Man hat sich wahrscheinlich damit abzufinden, dass nicht allein Einzeltäter, sondern ganze Volksgemeinschaft gestört sein können. Dabei gibt es immer vereinzelte Persönlichkeiten, die mit grossem und gefährlichem persönlichem Einsatz versuchen, aufrüttelnd Gegensteuer zu geben, gerade auch in den USA. Von den Massen werden sie nicht wahrgenommen.
 
Die USA finden aus ihrer Spirale der Gewalt offensichtlich nicht mehr heraus: 1865 erschoss ein Verfechter der Sklaverei Präsident Abraham Lincoln während einer Theateraufführung. Die Morde an den Brüdern John F. und Robert Kennedy sowie am Bürgerrechtsführer Martin Luther King waren blutige Merkmale der gegenkulturellen Jugendbewegung in den 1960er-Jahren. Im März 1981 verübte John Hinckley ein Attentat auf Präsident Ronald Reagan, um der Schauspielerin Jodie Foster zu imponieren. Reagans Pressesprecher James Brady, halbseitig gelähmt, plädiert seither erfolglos für eine Verschärfung des Waffenrechts. In Arizona, Alaska und Vermont kann man Waffen kaufen, ohne auf Vorstrafen oder Hinweise auf psychische Störungen untersucht zu werden. Timothy McVeigh, der 1995 das Attentat von Oklahoma verübte, wollte damit die individuelle Freiheit gegen die Knebelung der Amerikaner durch die Bundesregierung verteidigen.
 
Das Klima des Hasses entlädt sich in dieser schiesswütigen Atmosphäre selbstredend auch in der Politik, die bei eskalierender Streitkultur auch in eine Form von Krieg ausmünden kann. Harte Auseinandersetzungen im Hinblick auf allgemein genehme Lösungen sind hier zwar durchaus am Platze, doch sollten sie nicht auf der Basis rhetorischer Aufrüstungen in Handgreiflichkeiten, Zerstörungen und Kämpfe ausarten – etwa nach der Kriegslust Sarah Palins „Nicht aufgeben – nachladen“ (Motto im Wahlkampf um den Kongress). Sie möchte sich gelegentlich selber mit Geschmacklosigkeiten überbieten. Besonders hitzig geht es zurzeit in den USA bei den Debatten um Barack Obamas Gesundheitsreform zu und her, zu der auch die Schaffung einer staatlichen Krankenkasse gehören soll und die von ihren Gegnern als subversive Aktion gebrandmarkt wird. Politiker werden niedergeschrien, und oft kommt es zu Handgreiflichkeiten.
 
Der Sheriff von Tucson, Clarence W. Dupnik, sprach grundsätzlich von einem „vergifteten Klima“, das psychisch labile Menschen beeinflussen könnte. „Wir sind zu einem Mekka des Hasses und der Vorurteile geworden.“
 
Die in Gut und Böse aufgeteilte Welt Amerikas ist simpel, begleitet von Verblödungserscheinungen. Diese sind das besonders Unberechenbare, Gefährliche daran.
 
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